Melting Pot Europe

 

Gelungene Beispiele der „musikalischen Integration“

im barocken Europa des 18. Jahrhunderts

 

 

Zum Titel des Programms

 

Es mag sicherlich verwundern, bei der Überschrift dieser Konzertidee Schlagwörter aus der heutigen Zeit zu lesen. Themen wie Globalisierung, Emigration, Integration und Verschmelzung der Kulturen scheinen auf den ersten Blick so gar nichts mit Barockmusik und ihren landesspezifischen Ausprägungen – allen voran sei hier der italienische und der französische Stil genannt – zu tun zu haben. Ein genauerer Blick zeigt jedoch bald, dass viele bedeutende Komponisten dieser Zeit ein reges Interesse am „Fremden“hatten. Es wurden Reisen durch Europa unternommen,manche Komponisten ließen sich im Ausland nieder und versuchten die Traditionen ihrer neuen Heimat in ihr Schaffen zu integrieren. Andere wiederum setzten sich in ihrem Geburtsland intensiv mit anderen europäischen Stilen und deren musikalischer Vereinigung mit dem Vertrauten auseinander. Mit der Auswahl unseres Programms möchten wir Komponisten und Werke präsentieren, die die Grenzen ihrer

Heimat überschritten haben, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn.

Programm:

 

Arcangelo Corelli: Sonate Op. 5/XI für Violine und Basso continuo

Adagio – Allegro

 

François Couperin: Triosonate „Le Parnasse ou l’apothéose de Corelli“

Gravement – Gaÿment – Modérément – Vivement –

Tres doux – Vivement – Gaÿment

 

Jean Baptiste Lully: Auszüge aus „Trios de la chambre du Roi“, LWV35

 

François Couperin: Concert Instrumental „L’apothéose de Lully“

Gravement – Tres viste – Noblement – Viste –

Tres légèrement – Largo – Gracieusement

 

François Couperin: La Paix du Parnasse (der Frieden des Parnass): Sonade en Trio

Gravement – Vivement – Rondement – Vivement

 

~ Pause ~

 

Evaristo dall’Abaco: Triosonate No. 7

Largo – Allemanda: Allegro – Sarabanda: Largo – Giga: Allegro

 

Georg Friedrich Händel: Triosonate in c-moll, HWV 386a (Op. 2/1a)

Largo – Allegro – Andante – Allegro

 

Francesco Geminiani: Airs aus „A Treatise of Good Taste in the Art of Musick“

Zur Auswahl der Stücke

 

Der erste Teil widmet sich der Gegenüberstellung barocker Kompositionen aus Italien und Frankreich. Als „Vermittler“ zwischen diesen beiden Ländern und ihrer doch sehr unterschiedlich ausgeprägten, oft rivalisierenden musikalischen Stile sieht sich der Franzose François Couperin. Er widmet seine Triosonaten „Apothéoses“ aus dem Jahr 1724 den jeweils bekanntesten Komponisten der beiden Länder, Arcangelo Corelli für Italien und Jean Baptiste Lully für Frankreich. (Als kurioses Detail am Rande sei erwähnt, dass Lully, der als der Vertreter französischer Ballettmusik gilt, eigentlich auch Italiener war, er wurde als Giovanni Battista Lulli

in Florenz geboren.)

 

Die „Apothéoses“ sind als Programmmusik zu verstehen. Corelli und Lully werden vorgestellt (im 2. und 4. Werk des Programms), ihr Stil wird von Couperin nachgeahmt. Sie sollen einander am Parnass, dem berühmten griechischen Berg mit Sitz des Apollo und der Musen als Symbol für Musik und Kunst generell, treffen. Dort werden sie von Apollo überredet, Frieden zu schließen und darüber hinaus ihre beiden Stile zu einem gemeinsamen zu vereinen. (Werk Nr. 5). Um den ersten Teil abzurunden und dem Zuhörer die Möglichkeit zu geben, „Original“ und „Kopie“ (Nachahmung von Couperin) zu vergleichen, wird im ersten Teil auch jeweils ein „echter“ Lully bzw. Corelli (Werke 1 und 3) erklingen.

 

Im zweiten Teil spielt das Thema Emigration/Integration eine zentrale Rolle.

Der Italiener Evaristo Dall’Abaco, geboren in Verona, verbrachte den Großteil seines Lebens am Münchner Hof und wurde durch Aufenthalte in Frankreich und Belgien auch vom französischen Stil beeinflusst. Beispiele dafür lassen sich auch in der von uns gewählten Sonate finden. Georg Friedrich Händel schrieb seine Triosonate in c-moll bereits nach seinem Umzug nach London, wo seine Werke auf große Begeisterung stießen. Sein Stil wiederum ist nicht nur von seiner deutschen Herkunft, sondern auch von einer vierjährigen Studienreise durch Italien geprägt. Die musikalische Reise endet mit einem Werk von Francesco Geminiani, das man beim ersten Hinhören vermutlich nicht einem italienischen Barockkomponisten zuordnen würde. Der Komponist und Violinvirtuose Geminiani, geboren in Lucca und später Schüler von Corelli – hier schließt sich auch der Bogen zum ersten Teil – verbrachte den Großteil seines Lebens in London und Dublin. Seine Airs haben schottische Volkslieder als Grundlage und verbinden auf originelle Weise den Esprit des italienischen Stils mit der Harmonik der schottischen Folk-Music.